Textilindustrie

Auf Tuchfühlung mit der Krise


Erfolgsgewohnte Firma leidet unter einem Auftragseinbruch quer durch die Produktpalette

Hamminkeln. Auf Produkten dieser westfälischen Firma haben Sie vielleicht auch schon gelegen: Setex fertigt Textilien „rund um die Matratze“ – Bettwäsche und Moltontücher etwa, wasserdichte Auflagen oder solche für Allergiker. Andere Setex-Stoffe polstern zum Beispiel Schuhe aus, stecken im Sofa-Bezug oder im Autoreifen. Bei all dieser Vielfalt ist eines gleich: „Unsere Maschinen sind mit 70 verschiedenen Produkten bestückt – aber alle Bereiche sind von der Wirtschaftskrise betroffen“, sagt Geschäftsführer Konrad Schröer.

Er musste in den letzten Mo­naten einen drastischen Rückgang der Aufträge beobachten: Keiner seiner Kunden gehe im Mo­ment das Risiko ein, im Voraus zu kaufen, so Schröer. „Die Produktion wurde der Nachfrage angepasst.“ Die bittere Folge: einige Mitarbeiter mussten gehen.

Besorgte Belegschaft

Für die Stammbelegschaft sei diese Situation sehr ungewöhnlich, betont Betriebsratsmitglied Johannes Joosten. Kein Wunder – lange ist Setex stetig gewachsen,  auch das gerade beendete Jahr 2008 sollte dank eines starken Starts noch ein Umsatzplus von 4 Prozent ge­bracht haben.

„Bisher wurde hier ständig eingestellt, es wurden  Maschinen gekauft und neue Hallen gebaut“, sagt Joosten, „bei uns wurde samstags und sonntags gearbeitet – jetzt haben viele Bauchschmerzen und fragen sich, wie es weitergeht.“

 

Immerhin: Neue Entlassungen soll es nicht geben, das Weihnachtsgeld wurde gezahlt, an einer neuen Produktionshalle wird weitergebaut. „So schlecht kann es uns also nicht gehen“, hofft Joosten. Wenn nun alle Kunden ihre Bestände abbauen, müssten die leeren Lager ja bald wieder aufgefüllt werden. Und dann hätte Setex die Nase vorn – weil der westfälische Produzent viel schneller liefern könne als seine asiatischen Konkurrenten.

Dabei setzt die 1990 gegründete Firma schon selbst auf ausländische Töchter. Der Großteil der lohnintensiven Konfektion wurde nach Polen ausgelagert: Für einfache Näharbeiten war Deutschland zu teuer geworden. Anfangs setzte man auf polnische Nähfabriken, aber bald befand Schröer: „Das müssen wir selbst in die Hand nehmen.“ Setex investierte rund 2 Millionen  Euro in ein Werk in einer polnischen Sonderwirtschaftszone und stellte 150 Mitarbeiter bei der Tochterfirma Lubatex ein.

„Und wir werden weiter dort investieren“, betont Schröer, „sonst sind wir weg vom Fenster.“ Denn Osteuropa werde auch als Absatzmarkt wichtiger: Mit den steigenden Einkommen wachse die Lust auf hochwertigere Heimtextilien. „Mittelfristig wollen wir dort 10 Prozent unseres Umsatzes machen“, sagt Schröer.

Zuletzt übernahmen die Westfalen zudem ihren wichtigsten französischen Kunden. „Der war schon immer etwas schwach auf der Brust“, erzählt Schröer. So stellte sich die Frage: Diesen Umsatz womöglich verlieren – oder die Sache selbst in die Hand nehmen? Letzteres zog Setex vor. Ergebnis: eine zweite Tochter im Elsass; Clartex hat heute 35 Mitarbeiter.

Auslandstöchter bringen Aufträge

Dass bei den Tochterfirmen inzwischen mehr Menschen arbeiten als im Stammwerk, ist für altgediente Kräfte kein Grund zur Sorge. Schon lange an Bord ist zum Beispiel Peter Niewiedzial, der dafür sorgt, dass Baumwollgewebe zu kuscheligen Flanell- und Feinbiberstoffen aufgeraut wird.

Niewiedzial hat schon kurz nach der Gründung bei Setex angefangen – und miterlebt, wie aus einer kleinen Weberei mit kaum 20 Mitarbeitern ein zehn­mal so großes Unternehmen wurde. „Zum ersten Mal in meinen 17 Jahren bei Setex werden Kollegen entlassen“, bedauert er. Und doch investiert sein Arbeitgeber im Ausland – passt das zusammen? Ja, meint Niewiedzial: „Dank der ausländischen Kollegen bekommen wir mehr Aufträge, also sichern sie auch meinen Arbeitsplatz.“

Matilda Jordanova-Duda

Artikelfunktionen


'' Zum Anfang