Gesundheit

Auf geht’s, Kollegen!


Wie Firmen anpacken, um Mitarbeiter fit zu halten

Weiherhammer. Stefan Sternkopf legt die Handschuhe beiseite, stellt sich zu seinen Kollegen in den Kreis – und denkt an eine Windmühle. Normalerweise verpackt er Glasscheiben, jetzt reckt und streckt er sich und lässt seine Arme wie Flügel kreisen.

Das fördert Gleichgewicht und Körperbeherrschung. Eine solche zehnminütige, bezahlte „Aktivpause“ pro Schicht ist Alltag für die Hälfte der 540 Mitarbeiter des Glas-Produzenten Pilkington in Weiherhammer (Oberpfalz). Bis 2010 wird das Programm auf alle ausgeweitet. Personalleiter Thomas Braun holte dazu Sachverstand von außen: Einmal pro Woche kommt Physiotherapeutin Susanne Weber, um den Teams Übungen zu zeigen.

„Die Kosten rechnen sich“

Anfangs wurde das Programm belächelt, erinnert sich der Meister Helmut Michl. „Da hieß es, jetzt tanzen sie wieder!“ Heute ist die Skepsis weg.

Denn die Erfolge sind messbar: 94 Prozent der Teilnehmer sagen, sie würden Rückenbelastungen jetzt bewusster wahrnehmen als früher – und 60 Prozent sagen, es gehe ihnen jetzt besser als früher. Beraterin Weber gibt im Werk auch individuelle Rücken-Schulungen. „Und ich werde inzwischen beim Einrichten neuer Plätze um ergonomischen Rat gefragt.“

Pilkington, ein Hersteller von Spezialglas für Gebäude und Fahrzeuge, ist kein Einzelfall. Das Thema „Gesundheit am Arbeitsplatz“ ist in vielen bayerischen In­dustriebetrieben auf der Tagesordnung. Neben dem klassischen Arbeitsschutz, etwa mit Brille und Handschuhen, werden die Angebote stärker auf den Einzelnen zugeschnitten.

Das Ziel: Ausfallzeiten der Mitarbeiter vermeiden helfen. Vor diesem Hintergrund rechnet sich betrieb­liche Gesundheitsvorsorge auch betriebswirtschaftlich, unterstreicht etwa Peter Oberst, Personalleiter des Autozulieferers Ribe in Schwabach bei Nürnberg: „Ein verhinderter Bandscheibenvorfall finanziert das ganze Gesundheitsmanagement.“ Oft liegen die Hürden für solche Aktionen weniger in den Kosten als an fehlenden Informationen darüber, wie sich das Thema angehen lässt.

Möglichst früh ansetzen und neben den häufigen Muskel- und Skelett-Erkrankungen auch seelischen Belastungen vorbeugen: Das ist das Ziel des Triebwerkherstellers MTU Aero Engines in München. Daher nimmt sich Martin Bürger, als firmeneigener Sozialberater, insbesondere für die neuen Lehrlinge Zeit . „Was früher Suchtprävention hieß, nenne ich Lebenskompetenz deutlich machen.“ Da gebe es keinen erhobenen Zeigefinger. Sondern Teamübungen, die zeigen, wie man stark sein und Stress bewältigen könne. „Das hilft bei Konflikten – egal ob am Arbeitsplatz oder im privaten Umfeld.“

Der Messtechnik-Spezialist Wika im unterfränkischen Klingenberg fördert mit der Gesundheit auch den Teamgeist, etwa mit Zuschüssen für Firmenläufe oder kollektives Schwitzen beim Rückentraining. Und Spezialmaschinen-Hersteller Mühlbauer in Roding in der Oberpfalz betreibt eigene Fitness-Anlagen auf dem Werkgelände.

„Die Rente mit 67 kommt“

Welchen Stellenwert das Thema Gesundheitsvorsorge bei Unternehmen in ganz Europa hat, ermittelte kürzlich das in London ansässige Adecco Institut des gleichnamigen Personaldienstleisters in einer Umfrage. Ergebnis Nummer eins: Deutsche Personalchefs sind bei diesem Thema engagierter als ihre ausländischen Kollegen. Ergebnis Nummer zwei: Sie reagieren damit auf die laut ihrer Einschätzung zweitgrößte Herausforderung nach der Globalisierung: den demografischen Wandel, also den absehbaren Fachkräftemangel.

Was das konkret bedeutet, formuliert der eingangs erwähnte Pilkington-Mitarbeiter Sternkopf so: „Wenn wir bis 67 arbeiten sollen, muss ich schon jetzt auf meine Knochen schauen.“ Der 42-Jährige macht die Übungen der Aktivpausen auch öfter daheim, gleich nach dem Aufstehen.

Eva Schröder

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