Bildung

Auf der Suche nach dem Gleichgewicht


Wie die Junior-Uni viele Tausend Kinder für Technik begeistert

Wuppertal. Die Hebelwirkung: ein grundlegendes Gesetz der Mechanik. Kann man es Grundschülern so unbeschwert beibringen, dass sie es ihr Leben lang nicht vergessen werden? Aber hallo!

Wie das geht, zeigt die Junior-Uni in Wuppertal. Stippvisite in einem Kursus über Werkzeuge: Verblüffend schnell begreift das Dutzend Kinder, was Sache ist. Kein Wunder. Denn ihr Dozent lebt sozusagen von der Hebelkraft. Es ist Ralf Putsch, Chef der am Ort ansässigen Zangenfirma Knipex.

Mit seiner Hilfe zeigt Nikolas (8) den anderen Kindern, wie ein leichtes Gewicht ein schwereres hochheben kann: Dafür muss es am Hebelarm ganz außen hängen.

Test-Objekt Türklinke

Das weiß der Nachwuchs ja eigentlich schon – vom Spielplatz! „Es ist so, wie wenn eure Mama auf der Wippe nach innen rutscht“, erklärt Putsch, der selbst zwei Kinder hat.

Dann darf jeder eine kleine Balkenwaage bauen; an Büroklammern hängende Muttern dienen als Gewichte. Was muss wo hängen, damit der Balken waagerecht ist? Und wie heißt das dann? „Parallel“, ruft ein Kind, „Gleichstand“ ein anderes. „Gleichgewicht“, verbessert Putsch. Dann zeigt er  Beispiele dafür, wie uns die Hebelkraft im Alltag hilft: Schubkarre, Nussknacker, Schere, Zange – und: Türklinke! Letztere soll jetzt Maja, ebenfalls acht Jahre alt, mit nur einem Finger nach unten drücken. Das schafft sie auch, aber eben nur am äußeren Ende der Klinke.

Die Kinder wissen zwar nun schon, warum das so ist. Trotzdem wollen die meisten die Sache mit der Türklinke schnell selbst versuchen. Putsch freut es: „Kinder für Naturwissenschaften und  Technik zu gewinnen, ohne Leistungsdruck“ – dafür ist er hier. Und auf solche besonderen Lehrer setzt die Junior-Uni, die vor einem Jahr den Betrieb aufgenommen und schon mehrere Tausend Kursplätze vergeben hat. „Die Kinder merken genau, ob jemand authentisch ist“, weiß Burckhard Mönter. Der Physik-Professor im Ruhestand ist einer der Junior-Uni-Geschäftsführer.

Motorsport-Physik aus erster Hand

Mönter nennt einen anderen Kursus: „Der Motorsport und die Physik“. Da steht tatsächlich ein Physiker mit Rallye-Erfahrung vor den Kindern – Barna Hanula, der die Remscheider Motorenfirma AVL Schrick steuert.

Warum engagiert sich hier, natürlich ohne Honorar, so ein Mann mit ohnehin knallvollem Terminkalender? Hanula hat beobachtet, dass das Niveau der jungen Ingenieure gesunken ist. „Und ich bin schockiert darüber, was meine Söhne in der Schule nicht lernen – Naturwissenschaften spielen eine zu geringe Rolle.“

Professor Mönter erklärt es so: Wer musisch begabt ist, kann ein Instrument lernen. Auf sportliche Kinder warten viele Vereine. Aber wer fördert Begabungen in den „MINT“-Fächern – also Mathe, Informatik, Naturwissenschaften, Technik?

Diese Lücke will die Junior-Uni stopfen, auf Dauer. Und in Zeiten des Fachkräftemangels soll kein Talent übersehen werden: Daher will man auch „bildungsferne Schichten“ erreichen. Dabei hilft der Standort im Tal der Wupper, wo die klassischen Arbeiterviertel liegen. Und die ohnehin nur symbolische Kursgebühr, die zudem bei sozial schwachen Familien oft von Sponsoren übernommen wird.

Gewinn machen muss Mönter nämlich nicht. Die Junior-Uni ist eine gemeinnützige GmbH, getragen von namhaften Stiftungen der Wirtschaft und einem Förderverein. Die Liste der Kooperationspartner ist lang, von der Zeitung bis zum Zoo. So kann zum Beispiel, wer einen Kurs besucht, gratis mit der Schwebebahn anreisen. Mönters erfreutes Fazit: „Die ganze Stadt macht mit!“

Info: Bundesweit einmalig

Eine „Kinder-Uni“ als zeitlich begrenzte Aktion für den Nachwuchs gibt es inzwischen in etlichen Städten. Das Wuppertaler Konzept ist anders – und nach eigenen Angaben bundesweit einmalig: An der Junior-Uni ist das ganze Jahr Betrieb! Im aktuellen Semester bietet sie mehr als 150 Kurse für Kinder von 4 bis 18 Jahren an.

www.junioruni-wuppertal.de

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Schlagwörter: Ausbildung

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