Technik

Auf dem Grund des Rheins


Die Carl Straat ist einzigartig: Sie räumt tief im Wasser Hindernisse weg und repariert Bauwerke

Was passiert, wenn Sie ein Glas ver­kehrt herum in eine Schale mit Wasser stülpen, bis zum Boden? Es bleibt leer – das Wasser wird durch den beim Eintauchen erzeugten Überdruck verdrängt. Nach diesem Prinzip arbeitet auch die Taucherglocke der „Carl Straat“. AKTIV ist an Bord des Spezialschiffes abgetaucht.

Eine dicke, runde Stahltür öffnet sich. Macht den Weg frei zu einer Röhre nach unten. Stufe für Stufe geht es abwärts. Dann endlich ist das Ziel erreicht: eine Taucherglocke im Rhein.

In der nach unten offenen Glocke blicken wir auf eine fließende Brühe, die verschwindet, als die sechs Meter breite, vier Meter lange und knapp drei Meter hohe Stahlhülle auf dem Flussboden aufsetzt. Es ist kaum zu fassen: Jetzt können wir tatsächlich trockenen Fußes auf dem Grund von Europas wichtigster Wasserstraße spazieren!

Möglich macht dies das Spezialschiff „Carl Straat“ mit seiner Taucherglocke, die sich bis zu zehn Meter in die Tiefe absenken lässt. Wohl einzigartig auf der ganzen Welt.

Der 52 Meter lange Kahn vom Wasser- und Schifffahrtsamt Duisburg-Rhein ist für den Strom und seine Anlieger extrem wichtig: Er räumt Hindernisse im Fluss weg, überprüft Wehre und Schleusen, verankert Bojen und macht Bodenuntersuchungen.

Hier hat man wirklich Druck im Job

Jetzt hat die Carl Straat am Niederrhein Station gemacht, gegenüber dem Ort Rees. Hier wird ein Seitenarm für den Rhein gebuddelt, der an dieser Stelle zu eng ist. Das zu schnell fließende Wasser gräbt sich immer tiefer in die Fluss-Sohle. Was Brückenfundamente gefährdet, den Grundwasserspiegel sinken lässt – und auch tückisch für die Schiffe ist: Da, wo die Sohle höher liegen bleibt, wird sie zu einem Hindernis.

Das Schiff erledigt bei Rees  einen Spezialauftrag: Um zu überprüfen, ob die Deckschichten im Seitenarm und der kreuzenden Fährrine richtig verlegt wurden, zieht die Crew in der Tiefe Proben.

Deshalb sind wir mit Dirk Münstermann (43) und Gerd Maas (32) abgetaucht. Und erleben nun: Die beiden haben wirklich Druck im Job! Denn bevor sie in der Glocke loslegen, mussten sie oben auf dem Schiff in eine Druckluftschleuse klettern, durch eine dicke Stahltür.

Wir spüren es immer noch in den Ohren: Der Schleusenwärter hat an einem Rad gedreht, der Zeiger des runden Messgeräts hat sich um ein paar Striche im Uhrzeigersinn bewegt – bis auf 0,2 Bar, so

wie in der Glocke, die an dieser Stelle des Rheins in nur 2,30 Metern Tiefe den Boden berührt. Was für ein Arbeitsplatz! Wir sind umgeben von Druckluftbohrer, Presslufthammer, Schaufeln, Meißeln und Schweißgeräten.

Während Münstermann auf einer Tafel die Stellen der Proben notiert, steht Maas auf einem Gitterrand und schaufelt Ladungen mit Kies und Sand in weiße Säcke.

Dann telefoniert Münstermann mit der Brücke. Die Glocke hebt sich an, setzt kurz darauf an einer anderen Stelle wieder auf – und erneut gehen die Männer ans Werk. Bis eine grelle Sirene ertönt: Pause!

Von der Schiffsbrücke aus hat Ralph Boelter die beiden stets im Blick – per Videokamera. Der 43-Jährige ist der Boss an Bord. „Die Arbeit da unten ist extrem anstrengend“, weiß der Einsatzleiter aus eigener Erfahrung. „Bei einer Luftfeuchte von 100 Prozent sind Sie im Sommer nach einer Stunde klitschnass.“ Und weil der Überdruck in der Glocke nur etwas für Kerngesunde ist, muss sich die Besatzung jedes Jahr vom Arzt durchchecken lassen.

250-mal im Jahr ist Boelters Schiff im Einsatz: auf dem Rhein von der niederländischen Grenze bis Iffezheim bei Baden-Baden. Und auf der  Mosel entlang bis nach Luxemburg. Dabei hat die Mannschaft mitunter auch heikle Aufträge zu erledigen.

Kulisse für „Tatort“

Wie etwa 2007 in Köln: Beim Unglück des Frachters „Excelsior“ waren 14 Container in der Fahrrine des Rheins gesunken – und blockierten die bedeutende Wasserstraße. Die Männer in der Glocke mussten sich mächtig beeilen: „Wir waren fast rund um die Uhr im Einsatz“, erinnert sich Boelter. Seine Crew befestigte in der Tiefe an den Containern Haken für die Bergungsseile, sodass ein Kranschiff die Container herausziehen konnte.

Die Carl Straat war sogar mal Tatort-Kulisse, in „Hauch des Todes“. Umspült von Millionen Litern Wasser kam es in der Glocke schließlich zum Showdown zwischen Kommissarin Lena Odenthal und dem Serienkiller. Die Unterwasser-Szene wurde freilich nicht in der Glocke gedreht. Sondern im Studio.

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