Beschäftigung

Am Arbeitsplatz festhalten


Wie Unternehmen möglichst viele Stellen sichern

Schwabach/Penzberg. Die Mitarbeiter von Ribe in Schwabach können aufatmen. In der Produktion ist die Kurzarbeit für die 500 Beschäftigten beendet – zumindest vorerst. Denn seit Juli hat sich die Auftragslage des Autozulieferers leicht verbessert. Die 130 Angestellten in der Verwaltung und im Vertrieb arbeiten aber noch kurz.

„Das Schlimmste ist wahrscheinlich überstanden, aber vorbei ist die Krise noch nicht.“ So beschreibt Konrad Grillenberger die wirtschaftliche  Lage  im  Land  und  im Betrieb. Er ist Maschineneinsteller in einem der zwei Werke in Schwabach bei Nürnberg.

Frank Bergner, der geschäftsführende Gesellschafter der Ribe Holding, nickt zustimmend: „Die große Frage ist, was passiert im nächsten Jahr  –  nach  der  aktuellen  leichten Erholung?“ Auf einen Rückschlag würde  Ribe  wieder  mit  Kurzarbeit in der Produktion reagieren.

Aufträge massiv eingebrochen

Skepsis und Vorsicht schwingen in Bergners Worten mit. Kein Wunder: Nie zuvor hatten Ribe und viele andere Unternehmen in der bayerischen Metall- und Elektro-Indus­trie ein so tiefes Absacken der Aufträge erlebt.

Bergner rechnet für sein Unternehmen in diesem Jahr mit einem Umsatzrückgang von 15 bis 35 Prozent – je nach Geschäftsfeld. „Zum Niveau des Jahres 2007 werden wir nicht vor 2013 oder 2014 zurückkehren“, sagt er.

Ribe hat sich schnell auf die kräftig gesunkene Kapazitätsauslas­tung eingestellt. In der ersten Jahreshälfte 2009 wurden in den deutschen Fabriken Schwabach und Radebeul (Sachsen) zusammen 280 Stellen abgebaut, im Ausland 180. Jetzt beschäftigt die Gruppe noch rund 1.100 Mitarbeiter.

„Das hat das Unternehmen gerettet“, meint Mitarbeiter Grillenberger. „Ohne Stellenabbau wären die Kosten zu hoch gewesen. Nach dem Auftragseinbruch hatten wir einfach zu viele Leute.“ Sein Meister Manfred Peipp ergänzt: „Zum Glück konnten wir mit Kurzarbeit viel überbrücken. Sonst hätten wir uns im Februar von deutlich mehr Kollegen verabschieden müssen.“

Mehr als 60 Prozent der bayerischen M+E-Betriebe reagieren mit Kurzarbeit auf die Konjunkturkrise. Im Durchschnitt verringert sich die Arbeitszeit um etwa ein Drittel. Die Fertigung noch stärker zurückgefahren hat die Automotive Components Penzberg GmbH (ACP). Der oberbayerische Zulieferer für Lkw-Hersteller arbeitet vier bis fünf Schichten in der Woche. In normalen Zeiten waren es 15. Wegen der schwachen Nachfrage nach Nutzfahrzeugen musste ACP in  den  ersten  neun  Monaten  2009 einen Umsatzrückgang von 60 Prozent hinnehmen – verglichen mit der gleichen Zeit im Vorjahr.

Zurück auf die Schulbank

Seit Januar arbeiten die rund 700 Beschäftigten in Penzberg kurz. Bei der Bundesagentur für Arbeit hat ACP die maximale Dauer von zwei Jahren beantragt, also bis Ende 2010. „Es wäre schön, wenn wir die Kurzarbeit früher beenden könnten“, sagt Personalleiter Kurt Meinl. „Aber das werden wir wohl erst Mitte 2010 absehen.“

Bis dahin rechnet auch Georg Rottach, der Vorsitzende des Betriebsrats, mit einer Durststrecke: „Unser gemeinsames Ziel mit der Firmenleitung ist, Kündigungen so gut es geht zu vermeiden.“

ACP will mit der Kurzarbeit nicht nur die Krise ohne Entlassungen überstehen, sondern nutzt die Zeit auch für Qualifizierung. 246 der 700 Mitarbeiter bereiten sich darauf vor, etwa einen Fachabschluss als Maschinen- und Anlagenführer oder als Logistikkraft zu erwerben. „Damit machen sich unsere Mitarbeiter fit für die Zukunft“, sagt Personalleiter Meinl.

Zum Beispiel Liliana Hiry: Sie  strebt einen Abschluss als „Verfahrensmechanikerin für Beschichtungstechnik“ an. Die 40- Jährige arbeitet an der Tauch- und Lackieranlage – bisher als Angelernte. „In den Kursen erfahre ich jetzt viel über Chemikalien und spezielle Lacke“, berichtet sie. „Damit kann ich Fehler besser vermeiden und lerne, wa­rum es zu Störungen der Anlage kommen kann.“

Sie gibt zu, dass es ihr anfangs nicht leicht fiel, nach langer Zeit wieder die Schulbank zu drücken. „Die ersten zwei Wochen waren hart.“ Auch auf das Lernen zu Hause musste sie sich einstellen. „Inzwischen habe ich mich aber daran gewöhnt.“ Schließlich hat die Frau, die aus Serbien stammt, ein lohnendes Ziel  vor  Augen:  „Eine  Ausbildung zu haben, ist auf jeden Fall gut.“

Joachim Herr

Info: vbw-Index auf neuem Tiefpunkt

Bayerns Unternehmen stellen sich auf einen harten Winter ein. Darauf deutet der vbw-Index, der Konjunkturindikator der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw). Er ist in diesem Herbst auf 51 Punkte gefallen – den tiefsten Stand seit 2003.

Besonders ihre aktuelle Lage schätzen die Betriebe relativ schlecht ein (siehe Grafik). Dagegen hellen sich die Erwartungen leicht auf. So hat sich der „Prognose-Index Wachstum“ von seinem sehr niedrigen Stand im Frühjahr erholt.

Die vbw zieht daraus den Schluss: Die Talfahrt der Konjunktur erreicht den Boden, eine dynamische Erholung ist aber noch nicht in Sicht. Rückschläge werden nicht ausgeschlossen. Auf dem Arbeitsmarkt, der regelmäßig dem Konjunkturverlauf hinterherhinkt, sei der Tiefpunkt noch nicht erreicht.

JH

Ein Teil der Kosten bleibt

Was Kurzarbeit bringt und kostet, erläutert Eugen Spitznagel. Er leitet die Forschungsgruppe Arbeitszeit und Arbeitsmarkt im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg.

AKTIV: Kurzarbeit verhindert bisher einen starken Anstieg der Arbeitslosenzahl. Wie viele Beschäftigte hätten ohne dieses Mittel ihre Stelle verloren?

Spitznagel: Ganz grob ge­schätzt: 400.000 in Deutschland. Die Größenordnung ergibt sich aus den rund 1,1 Millionen Kurzarbeitern in diesem Jahr, die im Durchschnitt ein Drittel weniger arbeiten als zuvor.

AKTIV: Warum wirkt das Instrument in dieser schweren Konjunkturkrise so gut?

Spitznagel: Weil sich die Bedingungen für die Unternehmen verbessert haben. Eine Hauptrolle spielen die Sozialversicherungsbeiträge. Diese erstattet die Bundesagentur für Arbeit spätestens ab dem siebten Monat der Kurzarbeit in vollem Umfang.

AKTIV: Dennoch bleiben Kosten für die Betriebe.

Spitznagel: Ja, in der ausgefallenen Produktionszeit mindes­tens ein Viertel der üblichen Arbeitskosten. Denn einige Kos­ten laufen weiter, wie tarifliches Urlaubs- und Weihnachtsgeld, bezahlte Freistellungen, zum Teil auch Sozialbeiträge.

AKTIV: Warum wird Kurzarbeit trotzdem so stark genutzt?

Spitznagel: Zahlreiche Be­triebe haben im vergangenen Aufschwung festgestellt, dass Fachkräfte nicht so einfach auf dem Arbeitsmarkt zu finden sind. Und wenn sich die Wirtschaft erholt, wird der Bedarf wieder zunehmen. Deshalb halten die Unternehmen mit Kurzarbeit möglichst viele Beschäftigte.

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