Reportage

Alles einsalzbereit


Wie sich Deutschland auf die „Operation Streudienst“ vorbereitet

 

 

Stetten/Velen. Ein Klick am Schalter, schon dreht sich die sieben Meter lange Bohrstange. Kreischend dringt sie in die weißgraue Wand. Eine Minute später ist sie komplett darin verschwunden.

 

 

 

Dietmar Sickinger (49) bohrt im Bergwerk Stetten Löcher ins Salzgestein, 100 Meter tief unter der Erdoberfläche. In die Löcher kommen die Sprengladungen, die um halb zehn Uhr abends gezündet werden – nach Ende der Tagschicht, wenn sich alle Kumpel im Gemeinschaftsraum versammelt haben und darauf warten, dass es Bumm macht.

 

 

 

Rund 4.000 Tonnen Salz sprengen Sickinger und seine Kollegen hier, 70 Kilometer südlich von Stuttgart, Tag für Tag aus dem Gestein: „Seit März arbeiten wir für den nächsten Winter.“

 

 

 

Die Streudienste ordern schon seit Mai

 

 

 

Gut zu wissen – schließlich soll es in diesem Winter nicht wieder Schnee-Chaos geben. „Eine ruhigere Sommer-Phase wie früher gab‘s diesmal nicht“, sagt Sickinger. „Wir haben 250.000 Tonnen Streusalz auf Vorrat produziert.“

 

 

 

 

 

 

 

Davon lagert der Großteil im meterhohen Schachtgewirr unter Tage. Zudem lieferte der 70-Mann-Betrieb schon viel an Kommunen und Landkreise: Im Schnitt um ein Drittel haben sie laut Auto Club Europa ihre Lager gegenüber dem vorigen Winter aufgestockt.

 

 

 

„Sie ordern seit Mai“, berichtet der Direktor des Bergwerks, Alfred Höllerbauer. „Die Verantwortlichen haben gelernt aus dem letzten Winter.“ Aus lahmgelegten Innenstädten mit schneebedeckten Straßen. Aus spiegelglatten Fahrbahnen, Crashs und Karambolagen mit Verletzten und Toten.

 

 

 

Um zwei Uhr ist die Nacht zu Ende

 

 

 

Szenenwechsel: Der „Interkommunale Bauhof“ in Velen im Landkreis Borken, an der Grenze zu den Niederlanden. „Für 90.000 Euro bauen wir gerade für unseren Winterdienst eine zweite Lagerhalle“, erzählt Abteilungsleiter Paul Schmeing. „Und wir stocken unseren Salzvorrat von 900 auf 1.600 Tonnen auf.“

 

 

 

Noch letztes Jahr stand man hier in Velen zwei harte Winterwochen lang ohne Salz da. „Der Winter kann kommen“, sagt Straßenwärter Hendrik Rexing (22). Er hat sein Räumfahrzeug noch mal poliert; nun harrt er der Nächte, in denen um zwei Uhr morgens der Wecker rappelt. „Das gehört dazu“, sagt er. „Bis zum Berufsverkehr muss die Straße schwarz sein. Wenn nötig, fahren wir noch mal. Das sind oft Zehn-Stunden-Tage.“

 

 

 

Genauso lange ist, wenn es los geht, auch Kumpel Dietmar Sickinger im Salzbergwerk Stetten zugange. „Die Schicht wird dann von acht auf zehn Stunden verlängert“, erzählt er. Denn mit den ersten Frosttagen steigen die Salzbestellungen beim Bergwerk noch einmal sprunghaft an.

 

 

 

„Durch die verlängerte Schicht und durch das riesige unterirdische Lager kann das Bergwerk seinen Ausstoß im Winter ruck, zuck auf 10.000 Tonnen am Tag steigern“, berichtet Direktor Höllerbauer stolz. Dann spuckt das Förderband durch einen schrägen Schacht 20 Stunden lang pausenlos Salz an die Oberfläche, alle vier Minuten verlässt ein Laster das Werk.

 

 

 

Das kleine Bergwerk beliefert zwar nur Bayern und Baden-Württemberg, kann aber durchaus mit den Großen der Branche mithalten. 2010 förderten die Stettener Kumpel weit über 700.000 Tonnen, normal sind es 500.000 Tonnen im Jahr. Ein Teil geht als Industriesalz an das Unternehmen Wacker Chemie, dem das Bergwerk gehört.

 

 

 

Bundesweit arbeiten rund 2.100 Beschäftigte im Salz-Abbau. Sie förderten im vergangenen Jahr 12 Millionen Tonnen, davon 5,3 Millionen Tonnen Auftausalz.

 

 

 

Freilich – die „Operation Streusalz“ birgt auch Probleme. „Der Preis ist in den letzten Jahren stark gestiegen“, weiß Rainer Hillgärtner, Sprecher des Auto Clubs Europa. „Jetzt, kurz vorm Winter, zahlen die Kommunen und Landkreise 175 Euro pro Tonne.“

 

 

 

Kaum Belastung im Grundwasser

 

 

 

Zudem ist der massenhafte Einsatz auch für die Umwelt nicht harmlos. Zwar wird das Salz etwa an Autobahnen durch ein Entwässerungssystem entsorgt: „Im Grundwasser kann man kaum eine Belastung feststellen“, sagt Dietlinde Quack, Wissenschaftlerin am Freiburger Öko-Institut. „Aber vor allem Stadtbäume, die wenig Erde unter sich haben, leiden. Sie kriegen dadurch früh im Jahr braune Blätter.“

 

 

 

Dass der Winterdienst nur noch wichtige Straßen und Kreuzungen streut, ist da nur gut. Nebenstraßen, da sind sich Experten einig, können weiß bleiben. Dann fahren die Leute vorsichtiger.

 

 

 

 

 

Info: Salz oder Splitt?

 

 

● Laut Prüfgesellschaft Dekra verkürzt Salz den Bremsweg auf winterlicher Trasse um 80 Prozent. Beim Einsatz von Splitt sind es dagegen nur maximal 30 Prozent.

 

 

 

● Während das Salz abfließt, muss der Splitt nach dem Tauen wieder abtransportiert werden.

 

 

 

● Räumfahrzeuge verstreuen heute nur 10 bis 20 Gramm Salz pro Quadratmeter. In den 60er-Jahren benötigten sie noch 40 Gramm.

 

 

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