Neuanfang

Alle ziehen an einem Strang


Chemiefaser-Spezialist Trevira nutzt die Insolvenz zur Neuorganisation

Guben. Fast hätten sie im vergangenen Jahr alle ihre Arbeit verloren. Sven Gander an der Spule, die pro Minute bis zu 3,5 Kilometer Polyester-Garn aufwickelt. Werner Kramer, der es in eine Spezialmaschine wuchtet, auf der es „gekräuselt“ und damit elastisch wird. Oder Dorit Deja, die aus 1.210 Rollen Garn einen „Schärbaum“ produziert – Vorprodukt für die Textil-Industrie, die dann daraus Stoffe herstellt.

Wir sind zu Besuch in Guben an der polnischen Grenze, im größten Werk des Chemiefaser-Spezialisten Trevira. Im Juni 2009 musste die Firma, damals Teil der indischen Reliance-Gruppe, Insolvenz anmelden: Im Zuge der allgemeinen Wirtschaftskrise war der Bedarf des Hauptkunden Auto-Industrie rapide gesunken.

Doch die Maschinen in Guben laufen weiter. Rund um die Uhr. Aus Glykol und Therephthalsäure entsteht hier in einem komplexen chemischen Prozess ein Granulat. „Es wird, vereinfacht gesagt, aufgeschmolzen, mit Zusätzen entsprechend der gewünschten Eigenschaften oder Farbe versehen und unter Druck durch Düsen zu Endlosfäden versponnen“, erläutert der Trevira-Mitarbeiter Gander. Er kontrolliert einige der vielen Maschinen, die das frisch produzierte Garn auf die Spule bringen. Es besteht zu diesem Zeitpunkt schon aus 16, 32 oder auch mal 128 Fäden und ist damit extrem reißfest.

Umsatz sank um ein Drittel

Betroffen durch die Insolvenz waren damals 1.800 Beschäftigte: 730 in Guben, die übrigen am Stammsitz Bobingen (Bayern), beim Vertrieb in Hattersheim (Hessen) und an einigen ausländischen Standorten. „Das war ein Schock für alle“, erinnert sich Günter Gunzenheimer, der Bobinger Betriebsratschef.

Doch erleichtert kann er jetzt feststellen: „Die Restrukturierung ist in vollem Gang, sie wird letztlich das Unternehmen und einen Großteil der Arbeitsplätze retten.“

Für Gunzenheimer ist es daher „notwendig, dass sich die Mitarbeiter mit finanziellen Opfern an der Sanierung beteiligen“.

Seit Jahresbeginn ist eine neue Trevira am Start. Zwei kleinere Werke in Belgien und Dänemark werden abgegeben, die Finanzierung ist durch einen Kredit der Bayerischen Landesbank gesichert, die verbleibenden Werke sind neu organisiert. Zwar sank der Umsatz 2009 von 323 auf rund 210 Millionen Euro. Doch für 2010 erwartet der Insolvenzverwalter Werner Schneider wieder ein positives operatives Ergebnis.

Der von Schneider zurückgeholte Geschäftsführer Uwe Wöhner verkündet: „Das Interesse potenzieller Investoren ist groß. Am Ende der Restrukturierung werden wir mit Bedacht einen suchen.“

Ein Begriff seit einem halben Jahrhundert

Drei Viertel der Belegschaft bleiben im Job – in Guben sind es 660. „Trevira konzentriert sich auf die profitablen Spezialprodukte“, stellt Firmenchef Wöhner klar. Etwa besonders strapazierfähiges Garn für Autositze, flammhemmende oder gegen Geruchsbildung mit Silberionen versetzte antimikrobielle Fasern und Garne.

Eine lange Tradition wird damit doch noch fortgeführt: In den 50er-Jahren wurde in Frankfurt am Main die Chemiefaser „Trevira“ entwickelt – die Fertigung wurde dann in den 90er-Jahren vom damaligen Hoechst-Konzern in eine eigenständige Firma ausgegliedert.

 

Schon gewusst?

E s ist eine attraktive Alternative zum Naturgarn: Polyester (PES) hat schon wegen seiner chemischen Struktur eine hohe Reißfestigkeit. Bei Garnen werden bis zu 256 Fäden versponnen, was die Belastungsfähigkeit enorm erhöht.

Durch Zusätze beim Spinn-Material können den Fasern weitere spezielle Funktionen verliehen werden – wie Schwerentflammbarkeit, antimikrobielle Wirkung oder Farbe.

 

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