Betriebliche Bündnisse

15 Minuten – damit der Reifen rollt


Standortgarantie bis 2012 – dafür eine Viertelstunde Mehrarbeit und Weiterbildung

Bad Kreuznach. Reifen herstellen ist harte Arbeit: Jeder Handgriff muss sitzen, will man aus rund 200 Ausgangsmaterialien und 30 Halbfertigprodukten mit Hilfe schneller Maschinen einen Pneu in nur 30 Minuten fertigen.  Jetzt arbeiten beim Unternehmen  Michelin alle noch ein wenig härter. Wie Anlagenfahrer Janusch Stasiecki: Gemeinsam mit seinen Kollegen verzichtet er seit dem 1. September täglich auf 15 Minuten Pause. So kommt er auf 38,75 Stunden pro Woche.

 „Mehr arbeiten, ohne dafür Geld zu kriegen, fand ich erst einmal nicht so toll“, bekennt Stasiecki offen. Anfangs war es schwer: „Jetzt habe ich mich daran gewöhnt“, sagt er. Der Tausch „Zeit gegen Sicherheit“ gefällt ihm aber: „Neue Maschinen, mehr Kollegen und die Standortgarantie, das ist prima. Wir leben hier in einer ländlichen Gegend, da gibt es nicht sehr viele Jobs.“

Möglich machen den „Deal“ die Öffnungsklauseln im Tarifvertrag. Dieter Wegel, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats: „Die Lösung ist für die Beschäftigten verträglich.“ Die Belegschaft hatte vorab „grünes Licht“ für die Maßnahme signalisiert. Wegel: „Die Menschen sorgen sich um ihren Arbeitsplatz. Jetzt sind wir alle erleichtert.“ 

Jürgen Eitel, Direktor  Michelin Deutschland-Schweiz-Österreich, nickt zustimmend: „Es war ein langes Ringen, wir wollten erst die 40-Stunden-Woche durchsetzen.“ Denn die deutschen Standorte stehen in Europa in einem harten Wettbewerb. Eitel: „Wir müssen bis zum Jahr 2010 rund 30 Prozent rentabler sein!“

Neue Maschinen erleichtern die Arbeit

Heute laufen im Werk Bad Kreuznach jährlich 7,2 Millionen Reifen vom Band. In drei Jahren sollen es zehn Millionen sein, kalkuliert Werkleiter Dieter Freitag. Dazu muss er den Betrieb von heute 16 auf 21 Schichten umstellen.

Das bedeutet für die Mitarbeiter zwar mehr Einsatz am Wochenende, aber auch zusätzliche freie Tage, die fest planbar sind. Claudio Ingrosso aus der Rohreifenherstellung gefällt das: „Meine Frau ist begeistert, sie plant schon unseren Urlaub“, erzählt er.

Natürlich schmeckt es auch ihm nicht, wenn  „Annehmlichkeiten wegfallen“. Gut findet der Gummiwerker aber die Investitionen – 70 Millionen allein für den Standort: „Mit neuen Maschinen wird die Arbeit leichter.“

Kein Problem mit der gestrichenen    Pause    hat    Markus Lerge: „Lieber flexibler arbeiten als den Laden dichtmachen“, bringt es der gelernte Reifenwickler auf den Punkt. Und was ist mit der monatlichen „Qualifizierungs-Stunde“? „Na ja, die Freizeit müssen wir  opfern“, sagt Lerge.

Für Betriebsrat Wegel ist das vermeintliche Opfer jedoch eine Zukunftsinvestition. Besonders, wenn er an die immer älter werdende Belegschaft denkt: „Nur eine qualifizierte Mannschaft kann künftig bestehen!“

Tarifvertrag macht es möglich

In der Zusammenarbeit von Unternehmensleitung und Betriebsrat sieht Eitel einen strategischen Vorteil für den Standort: „Das wäre in anderen Ländern Europas undenkbar!“ Die Öffnungsklauseln des Chemie-Tarifvertrags machen  solche Betriebsvereinbarungen möglich. Eitel: „Ohne eine so flexible Grundlage ginge es gar nicht.“

Michelin in Deutschland zeichnet sich gegenüber der Konzernmutter nicht zum ersten Mal durch engagierte und erfolgreiche Verhandlungen zur Zukunftssicherung aus. Bereits 2004 korrigierten die Sozial- und Tarifpartner Kostennachteile des Standortes durch ein umfangreiches Einsparprogramm.

Sabine Latorre

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