„Wir sind an die Grenze des Möglichen gegangen“: AKTIVonline

Interview

„Wir sind an die Grenze des Möglichen gegangen“

Ein Mann aus der Praxis: Rainer Dulger ist geschäftsführender Gesellschafter der ProMinent Dosiertechnik in Heidelberg, die unter anderem Anlagen zur Wasseraufbereitung baut. Foto: dpa

Rainer Dulger, Verhandlungsführer der Arbeitgeber, zum Tarifabschluss bei M+E.

Ein Lohnplus von 4,3 Prozent für die Mitarbeiter und Planungssicherheit für die Betriebe bis Ende April 2013: So lange läuft der neue Tarifvertrag in der Metall- und Elektro-Industrie (M+E). AKTIV sprach darüber mit Rainer Dulger. Der Vorsitzende des Verbandes Südwestmetall war bei dem Pilotabschluss in Sindelfingen Verhandlungsführer auf der Arbeitgeberseite.

Mehr zum Tarifabschluss lesen Sie hier.

AKTIV: Herr Dulger, was ist aus Ihrer Sicht der größte Erfolg dieses Tarifabschlusses?


Dulger:
Die Flexibilität für die Betriebe bleibt gewahrt. Das gilt sowohl bei der Übernahme der Auszubildenden als auch bei der Zeitarbeit.

AKTIV: Die Einkommen der Mitarbeiter steigen kräftig. Können die Betriebe das tragen?


Dulger: Beim Entgelt sind wir an die Grenze des für uns Möglichen gegangen. Mit einem so hohen Abschluss stellt man einen Wechsel auf die Zukunft aus. Aber wir glauben weiterhin an eine stabile Entwicklung in der Metall- und Elektro-Industrie. Und wir haben einen Weg gefunden, die Mitarbeiter angemessen daran zu beteiligen.

AKTIV: Zeitarbeiter haben künftig nach zwei Jahren im gleichen Betrieb Anspruch auf Übernahme. Was folgt daraus?

Dulger: Jeder Betrieb kann wie bisher zeitlich unbegrenzt frei entscheiden, ob und wie er Zeitarbeit nutzt. Damit bleibt sie ein Instrument, um Auftragsschwankungen auszugleichen. Nur wenn der Betrieb einen Zeitarbeitnehmer länger als 24 Monate einsetzt, muss er ihm ein Übernahmeangebot machen.

AKTIV: Aber darüber hinaus ist Zeitarbeit künftig tabu?

Dulger: Nein. Begründete Ausnahmen sind möglich. Wenn es zum Beispiel um befristete Projektarbeit für Ingenieure geht, kann der Zeitraum länger sein. Darüber hinaus ermöglicht der neue Tarifvertrag den Betrieben mehr interne Flexibilität.

AKTIV: Was heißt das?

Dulger: Über Betriebsvereinbarungen kann man die Zahl der Mitarbeiter erhöhen, die 40 Stunden in der Woche arbeiten dürfen. Damit steigen auch die Verdienstchancen der Stammbelegschaften.

AKTIV: Die Firmen verpflichten sich, Azubis eine unbefristete Übernahme zu garantieren. Glauben Sie, dass die Jugendlichen sich da noch anstrengen?

Dulger: Ja. Der Leistungsanreiz bleibt auf jeden Fall bestehen. Das Unternehmen muss erst sechs Monate vor Ende der Ausbildung den Bedarf an Mitarbeitern definieren, die es fest übernehmen will. Da muss sich dann schon jeder engagieren, der dazugehören möchte. Im Übrigen ist die 100-prozentige Übernahme in vielen Betrieben längst Realität.

AKTIV: Sie haben auch eine bundesweite Förderung lernschwacher Jugendlicher beschlossen. Was steht da drin?

Dulger: Wir wollen diesen Jugendlichen den Einstieg in unsere Industrie erleichtern. Es freut mich ganz besonders, dass wir uns in diesem Punkt einig geworden sind. Im Südwesten haben wir mit unserem Programm „M+E-Einstieg“ da schon gute Erfahrungen gemacht: In einem Qualifizierungsjahr führen wir die Jugendlichen an die Ausbildungsansprüche unserer Branche heran. Damit erschließen wir mehr Potenzial – auch mit Blick auf den zunehmenden Mangel an Fachkräften.

AKTIV: Sicher keine einfache Aufgabe für die Betriebe.

Dulger: Richtig. Die Verabredung im Rahmen dieses Tarifpakets soll deshalb für noch mehr Power sorgen. Gemeinsam mit den Gewerkschaften werden wir auf die Politik zugehen, um Mittel für Förderprogramme zu erschließen.

AKTIV: Die Tarifrunde war nicht einfach. Was bedeutet sie für das künftige Verhältnis von Arbeitgebern und Gewerkschaften?

Dulger: Es ist doch klar, dass um einen so großen Abschluss stark gerungen wird. Dazu gehört dann auch ein mehrfacher 20-stündiger Verhandlungsmarathon. Das beeinflusst nicht das bestehende Verhältnis zum Tarifpartner.

AKTIV: Der persönliche Draht ist also gut?

Dulger: Wir haben eine solide Basis, auf der wir für künftige Verhandlungen aufbauen können.


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