Teure Metalle

Oh Gott, jetzt klauen Diebe auch noch Kirchenglocken!


Unter den Füßen knarzt das Holz. Schritt für Schritt geht es hinauf in den dunklen Turm, entlang an jahrhunderte­altem Mauerwerk. Nach 83 engen Stufen ist das Ziel erreicht. Pfarrer Christoph Dickel öffnet an der Decke eine Luke – der Blick fällt in den Glockenturm mit seinem Geläut.

„Sieben Glocken hingen hier“, erzählt der Pastor der evangelischen Nicolai-Kirche in Halver, einer Kleinstadt mit 17.000 Einwohnern in Nordrhein-Westfalen. „Eine kleine fehlt. Gestohlen.“ Dickel zeigt auf einen Stahlträger: „Der leichte Schatten hier, da hing sie.“ Ihm ist es ein Rätsel, wie die Diebe die Glocke mitsamt Joch nach unten gebracht haben: „Das Ganze wog immerhin 50 Kilo.“

Kupferpreise haben sich verdreifacht

Schon seit alters her locken Kirchen und Friedhöfe auch Kriminelle an. Dass die aber eine Glocke aus dem Turm verschwinden lassen, zeigt: Metalldieben ist aber auch gar nichts mehr heilig.

Sie haben es meist auf die Bronze (eine Mischung aus Kupfer und Zinn) abgesehen, die sie zu Geld machen wollen. Denn die Nachfrage nach Altmetallen ist hoch, seitdem die Rohstoffe so teuflisch teuer geworden sind.

Die Preise für Kupfer und Zinn zum Beispiel haben sich seit 2004 mehr als verdreifacht. Vor allem in den aufstrebenden Staaten Asiens und Südamerikas steigt die Nachfrage. Dort wird Nachschub für die Fabriken benötigt.

Allein 20 Millionen Tonnen Kupfer wurden nach Angaben der International Copper Study Group – einer offziellen Marktbeobachtungsstelle – 2011 weltweit verarbeitet. Das sind 3 Millionen Tonnen mehr als 2006. Denn das goldbraun glänzende Metall ist gefragter denn je: Es steckt in Kabeln ebenso wie in Elektro-Autos und Windkrafträdern. Experten gehen davon aus, dass die Nachfrage bis 2020 auf 27 Millionen Tonnen steigt.

Die Folgen des irdischen Rohstoffhungers bekommen so – indirekt – auch Christoph Dickels und seine Schäfchen in der Provinz zu spüren. Ihn schmerzt besonders, dass die gestohlene Glocke so alt ist. Sie stammt aus dem Jahr 1520. Noch vor jener Zeit, als Halver lutherisch wurde.

Dabei ist der unselige Klau kein Einzelfall. Ob Hoogstede in Niedersachsen, Baesweiler in Nordrhein-Westfalen, Ilsenburg in Sachsen-Anhalt oder Jößnitz in Sachsen – überall kamen in letzter Zeit Glocken abhanden. Den wohl größten Schaden verursachte ein Diebstahl in Groß Ridsenow in Mecklenburg-Vorpommern.

Dort hatten Ganoven im Oktober eine 600 Kilo schwere Bronzeglocke aus ihrem frei stehenden Glockenstuhl ausgebaut. Sie stammte aus dem 15. Jahrhundert und war – kulturhistorisch gesehen – eine der bedeutendsten des Bundeslandes. Experten schätzten ihren Wert auf 20.000 Euro.

Doch die Diebe waren nicht mit Kulturwissen gesegnet. Sie brachten ihre Beute ins 30 Kilometer entfernte Rostock zu einem Schrotthändler, bekamen dafür lediglich 1.600 Euro – und wurden auch noch von Überwachungskameras gefilmt. Gutes Material für die polizeilichen Ermittlungen.

Bei der Bahn gehen die Diebstähle zurück

Die Glocke ist inzwischen wieder aufgetaucht – allerdings in viele kleine Teile zerschnitten. Der Altmetallhändler hatte bereits mit der Verschrottung begonnen.

Vor einem Jahr waren Glocken für die Metallbanden noch gar kein Thema. Sie hatten es auf andere Dinge abgesehen, vor allem auf Anlagen der Deutschen Bahn.

Jetzt, da das Staatsunternehmen seine Schienen, Kupferleitungen und Kabel mit einer unsichtbaren Spezialfarbe markiert, mit dem sich der Weg der Beute bis zum Tatort zurückverfolgen lässt, ging die Zahl der Delikte erstmals wieder zurück.

In den ersten neun Monaten dieses Jahres war die Bahn laut Bundespolizei-Statistik rund 3.400-mal von Metalldiebstählen betroffen, das sind fast 9 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

So manchen Dieben wurde dieses „Geschäft“ zu heiß. Sie suchen sich neue Ziele – Kirchen und ihre Glocken etwa. Doch seit die Gemeinden, sensibilisiert durch die jüngsten Diebstähle, besser auf ihr Geläut aufpassen, ging die Zahl der Fälle zurück.

„Die Wege des Herrn sind unergründlich“

Pfarrer Dickel in Halver ärgert sich vor allem, weil die gestohlene Glocke vom Material her gar nicht mal so wertvoll ist. Denn die Diebe dürften dafür nur um die 200 Euro bekommen haben. Jetzt hilft nur noch beten – und hoffen, dass sie doch noch wieder auftaucht. Dickel: „Manchmal sind die Wege des Herrn ja unergründlich.“

Gießen einer Glocke: Diese hier wurde 2003 für die Dresdner Frauenkirche hergestellt. Heute gibt es bundesweit noch neun Glockengießereien. Foto: dpa

Schutz durch Spezialschrauben

Eine Glocke mal eben klauen geht nicht. Denn die meisten bringen ein stattliches Gewicht auf die Waage. Die schwerste Kirchenglocke Deutschlands ist der „Dicke Pitter“ im Kölner Dom. Der wiegt 24 Tonnen.

Leichte, nicht genutzte und frei stehende Exemplare sind dagegen gefährdet. So rät der Glockenfachmann Sebastian Wamsiedler den Kirchengemeinden dringend, sie in ein Gebäude zu verfrachten oder mit Spezialschrauben zu sichern.

Der Diebstahl einer historischen Glocke ist besonders schmerzhaft, weil es nur noch wenige gibt. Die meisten Glocken wurden im Krieg eingeschmolzen und später durch neue ersetzt.

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Schlagwörter: Rohstoffe

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